Amélie Losier

Von Angesicht zu Angesicht. Sayeda


SAYEDA

Frauen in Ägypten. Women in Egypt. Femmes d‘Égypte

 

 

Seit dem arabischen Frühling 2011 durchlebt Ägypten eine heftige politische und ökonomische Krise. Ein Teil der Bevölkerung kämpft für Meinungsund Versammlungsfreiheit, für das Recht auf Gleichheit vor dem Gesetz, und klagt laut und deutlich Verletzungen von Menschenund vor allem Frauenrechten an. Einige Frauen kämpfen gegen den traditionellen Verhaltenskodex, der für sie eine andere Rolle und einen anderen Status vorsieht als für Männer. Viele hoffen auf einen Mentalitätswandel der Gesellschaft, auch wenn sie in ihrem Alltag oft selbst wenig unternehmen können. Wer sind diese Frauen?

In Ihrer Arbeit «SAYEDA. Frauen in Ägypten» porträtiert die Fotografin Amélie Losier Ägypterinnen zwischen Arabischem Frühling und militärdiktatorischer Eiszeit: eine von vier Taxifahrerinnen in Kairo, die erste ägyptische Präsidentschaftskandidatin, Aktivistinnen, Arbeiterinnen und Ehefrauen mit oder ohne Kopftuch Frauen, deren jeweilige Position in der Gesellschaft von ihrer Religion, Ausbildung, Alter und sozioökonomischen Lage abhängt. Losier hat sie in ihrem Zuhause besucht und fotografiert und die Gedanken und Wünsche jeder Frau in einem Interview aufgenommen. Sie legt damit Zeugnis ab über das weibliche Ägypten zwischen Aufbruch und Stagnation.

Daraus ergibt sich eine mögliche Antwort auf die Frage: Was bedeutet es, eine Frau heute in Ägypten zu sein?

SALMA

Salma (Name geändert), 28 Jahre, ist Fernsehjournalistin, geschieden, und lebt in einer Wohngemeinschaft im Zentrum von Kairo. Sie hat eine sechsjährige Tochter, die bei ihrer Mutter in Alexandria lebt.

Aus Liebe akzeptierte sie es, nach der Hochzeit den Niqab* zu tragen, aber ihr Mann hat sie daraufhin nur unterdrückt und ihre Liebe missbraucht.

«Zum Glück kann man sich aber trotz niqab weiterhin Gedanken machen! In der islamischen Gesellschaft darf nur der Mann sich scheiden lassen. Jetzt aber erlaubt das Gesetzt auch der Frau, die khula** zu beantragen: Sie kann sich vom Mann scheiden lassen, muss aber ein Papier unterschreiben, mit dem sie auf alle finanziellen Ansprüche verzichtet. Mein Mann nahm mir alles weg, meinen Schmuck, mein Geld. Aber meine Tochter nicht, zum Glück! (lacht). Am Tag, als ich auszog, habe ich den Niqab abgelegt – noch vor der Scheidung. Was für eine Erleichterung.»

* Schleier, der das ganze Gesicht außer die Augen bedeckt, von manchen muslimischen Frauen in der Öffentlichkeit getragen.

** khula ist im Islam der juristische Begriff für eine Scheidung, die von einer Frau beantragt wird. Wenn sie sich scheiden lassen will, verliert sie dadurch einen Teil ihrer Rechte: sie muss den mahr zurückgeben (eine Summe, die der Mann für die Heirat eingebracht hatte), sie darf drei Monate lang nicht heiraten (und zwar aus folgendem Grund: Wenn die Frau in dieser Zeit feststellt, dass sie schwanger ist, kann der Vater des Kindes nicht verwechselt werden). Schließlich muss sie aus ziehen und die Wohnung dem Mann überlassen, außer sie hat Kinder. Das letzte Wort dazu hat der Richter.

NADIA

Nadia, 42 Jahre, Mutter zweier Kinder, lebt mit ihrem indischen Mann in Sadat City, 100 km nordwestlich von Kairo. Sie arbeitet als Bauleiterin in der Bauindustrie, ein Beruf, der sehr selten von Frauen ausgeübt wird, sowie in der Immobilienbranche.

«Es ist ein Geschenk Gottes, dass ich diese Arbeit machen kann: Denn ich habe nicht studiert und habe alles vor Ort gelernt. Ein paar Bekannte haben mir sehr geholfen, so weit zu kommen.

Die Männer, die für mich arbeiten, kennen mich nun schon lange, und es macht ihnen nichts mehr aus, dass ihr Chef eine Chefin ist. Aber ich muss oft richtig lachen, wenn ich die Überraschung auf den Gesichtern neuer Mitarbeiter sehe, denen klar wird, dass sie einer Frau gehorchen müssen!»


BOTHAINA

Bothaina, 52 Jahre, hat Betriebswirtschaft, dann Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Afrika sowie Journalismus studiert; heute ist sie Fernsehjournalistin und Politikerin. Sie lebt allein im Zentrum von Kairo und hat eine Tochter.

2012 und 2014 war sie die einzige Frau, die versuchte, für die Präsidentschaftswahlen zu kandidieren, doch reichte die Anzahl der gesammelten Unterschriften für die Zulassung ihrer Kandidatur nicht aus.

«Ägypten hat lange geschlafen. Aber ich habe mit meiner Revolution schon vor der Revolution angefangen! Sechs Jahre lang hatte ich im Radio eine Sendung, die hieß Night Confessions (Nachtgeständnisse) – das war damals eine Revolution! Die Leute riefen an, um mit mir über ihre Probleme im Alltag zu sprechen, um Fragen zu stellen. Viele Frauen waren sehr direkt. Ich finde, sie können viel lebendiger von ihren Lebensumständen erzählen als die Männer. Aber in den Freitagsgebeten hieß es immer wieder, meine Hörer und meine Sendungen würden sich gegen die Scharia wenden und ein schlechtes Bild von Ägypten zeichnen. Das war ein langer Kampf. Am Ende haben die Radio-Chefs die Sendung abgesetzt. Meiner Meinung nach sollte die Revolution keine politische, sondern vor allem eine soziale und kulturelle sein. Aber das wird viel Zeit brauchen.

Als 2011 die Revolution begann, wurde mir schnell klar, dass ich mich für Frauenrechte engagieren wollte. Früher dachte ich, wenn Ägypten dem Volk mehr Rech te gibt, dann werden auch die Frauen davon profitieren. Heute aber bin ich davon überzeugt, dass es genau umgekehrt ist: Nur wenn die Frauen sich mehr Rechte verschaffen, wird die ganze Gesellschaft etwas davon haben. Die bessere Stellung der Frau muss Vorrang haben. Aus diesem Grund wollte ich in die Politik (…).

In unserem Land siehst du Mädchen, die eng anliegende Hose tragen und übertrieben geschminkt sind, ihre Haare aber unter einem Schleier verstecken müssen. Und die Mehrheit der Friseure sind Männer. Es gibt in unserer Gesellschaft viele Widersprüche, das ist Ägypten: alles und sein Gegenteil, und das ist ein Reichtum!»

NOURA

Noura, 19 Jahre, lebt bei ihren Eltern in Imbaba in Kairo. Sie ist Gymnasiastin und möchte zunächst ihr Abitur machen. Sie ist verlobt. Ihr Zukünftiger will nicht, dass sie nach der Hochzeit arbeitet.

«Ich würde eigentlich sehr viel machen wollen, Stewardess, oder Geschäftsfrau in der Kosmetik, oder eine eigene Firma haben. Dafür müsste ich aber noch viel lernen und Erfahrungen sammeln. Das ist ein langer Weg, und ich müsste auf das Wichtigste verzichten: mir ein Leben mit Mann und Kindern aufzubauen. Ohne das kann ich aber nicht leben. Ich brauche Liebe und will meine ganze Zeit der Liebe widmen. Darauf freue ich mich. Wenn ich heirate, wird mir das die Möglichkeit geben, die Freiheit zu genießen, eine eigene Wohnung zu haben, ohne Bevormundung eigenständig entscheiden zu können, was ich einkaufen und kochen will und wie meine Kinder erziehe. Es gibt hier ein Sprichwort: ‹Bis du deinen Sohn großgezogen hast, passt sich dein Mann an.› In zehn Jahren werde ich eine Mutter sein, die für ihre Familie und ihren Mann verantwortlich ist.

Ich bin sehr gespannt darauf, die Sexualität zu entdecken. Einerseits habe ich etwas Angst, weil ich noch ganz ahnungslos bin, aber ich freue mich auch sehr darauf. Ich habe natürlich nicht nur das Eine im Kopf, aber Sex ist sicher mit Vergnügen verbunden.

Ich bin nicht beschnitten, im Gegensatz zu meiner Mutter, die aus dem Süden Ägyptens kommt, wo das Tradition ist. Es war aber so schrecklich für sie, dass sie beschlossen hat, meine Schwester und mich nicht beschneiden zu lassen. Es ist mir peinlich, mit meiner Mutter über Sex zu reden. Sie wird mir vor der Hochzeit bestimmt einiges erklären. Eine Freundin von mir hat in der Schule Unterricht gehabt über den männlichen und weiblichen Körper und spricht mit mir darüber. Das Thema ist sonst sehr tabu hier. Aber meine Freundin hat mir vieles über meinen Körper erklärt, was ich überhaupt nicht wusste! Man hat mir gesagt, dass Männer allgemein egoistisch sind, wenn es um Sex geht. Aber ich denke, mein künftiger Mann wird jemand sein, mit dem ich reden kann. Geben und Nehmen – es muss in beide Richtungen gehen. Und ich werde keine Angst haben, das anzusprechen.»

NADIA

Nadia, 42 Jahre, wurde in Beni Souef geboren und lebt in Madinet El Salam im Norden von Kairo. Sie ge hört zur Minderheit der Kopten und arbeitet als Haus haltshilfe bei einer Familie. Sie hat einen Sohn, Tomy, 25 Jahre alt, und eine Tochter, Mirna, 15 Jahre alt.

«Ich war 15, als ich verheiratet wurde. Meinen Mann habe ich mir nicht ausgesucht. Es war keine Liebesehe. Er war ein widerlicher Kerl, ging fremd, und wenn er betrunken war, schlug er mich und fügte mir regelmäßig Verbrennungen zu. Als Koptin darf man sich nicht scheiden lassen, es sei denn, der Mann verhält sich gegenüber seiner Frau inkorrekt. Ich hatte genügend Gründe, eine Scheidung zu verlangen, also ließ ich den Priester kommen. Vor dem Priester hat sich mein Mann aber verstellt und gesagt, ich würde lügen… So durfte ich mich nicht scheiden lassen, und mein Mann war danach natürlich umso gewalttätiger. Vor elf Jahren bin ich zu meiner Mutter gezogen. Ich hatte Angst um die Kinder und wollte sie schützen. Er ist uns nicht gefolgt, aber er hat unsere Wohnung verkauft, das ganze Geld verspielt und für Drogen ausgegeben, bis er obdachlos wurde. Trotz allem habe ich ihm geholfen, ich hatte Mitleid, und er war schließlich der Vater meiner Kinder. Vor drei Jahren ist er an einer Überdosis gestorben. Hamdullilah! Gott sei Dank! Es ist eine Erleichterung, dass er nicht mehr lebt.

Männer sind Idioten. Sollte ich einen neuen Mann kennenlernen, dann muss er Geld haben. Ich will nicht mehr für die Familie arbeiten müssen, während der Mann keinen Finger rührt, wie das bei meinem der Fall war.

Ich möchte, dass meine Tochter Betriebswirtschaft auf Englisch studiert, denn ich denke, das ist die Zukunft. Aber sie will an die Hochschule der Künste. Auf jeden Fall werde ich alles dafür tun, dass sie erst nach ihrem Studium heiratet. Und sie wird sich den Mann selbst aussuchen!»

MONA

Mona, 42 Jahre, lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern in Imbaba in Kairo. Sie ist Köchin und Putzfrau.

«Die ägyptische Frau denkt zuallererst an ihre Kinder. Dann an ihren Mann und den Haushalt. Erst am Ende denkt sie an sich selbst. Also muss sie es sich selbst vorwerfen, wenn sie ihre Rechte verliert: das Recht zu arbeiten, das Recht auf eine eigene Meinung ihrem Mann gegenüber. Dies ist leider das Schicksal vieler Frauen in Ägypten. Zum Glück aber nicht meines, denn ich lebe in einer Liebesehe. Ich arbeite, weil es mir gefällt und weil ich es brauche.

Während der Revolution 2011 habe ich 18 Tage lang mit demonstriert, um mehr soziale Gerechtigkeit und Arbeit zu fordern. Seitdem hat sich zwar nichts geändert. Aber ich denke, wir müssen geduldig sein, sehr geduldig. Und wir müssen alle weiterhin Hand in Hand gehen.»

NADA

Nada, 26 Jahre, lebt in einer Wohngemeinschaft im Zentrum von Kairo. Sie ist Fotografin, DJane, Designerin und koordiniert das Image Education-Programm des Kinos Zawya, das sie 2014 mitgegründet hat. In ihrer freien Zeit kümmert sie sich um ausgesetzte Tiere.

«Meine Eltern sind glücklich, sogar stolz, dass ich allein lebe. Ich habe meine Wohnung, lebe mein Leben und muss niemandem Rechenschaft ablegen.

Ich habe einen Freund, bin aber nicht mit ihm verheiratet. Meine Situation ist ungewöhnlich, wenn man die ägyptische Gesellschaft insgesamt betrachtet, aber in meiner sozialen Schicht bin ich keine Ausnahme: Meine Freundinnen bzw. Freunde haben alle einen Freund bzw. eine Freundin. Und ich stelle fest, dass immer mehr Leute meiner Generation eigenständig leben, ohne verheiratet zu sein. Das finde ich sehr schön, weil das eine kleine Gemeinschaft bildet. (…) Meine Eltern vertrauen mir.

‹Liiiiiiiebes, hast du keine Angst auf deinem Fahrrad? Bei den ganzen Verbrechern auf der Straße?› Ich genieße es, dass die Freundinnen meiner Mutter so reagieren, wenn sie mich auf dem Fahrrad sehen. Dadurch fühle ich mich stärker und mutiger. Generell denke ich, dass Stärke und Mut zwei wesentliche Eigenschaften sind, die man als Frau in Kairo besitzen sollte. (…)

Eine patriarchalische Gesellschaft wie in Ägypten schreibt der Frau genau vor, wie sie sich als Mutter, als Hausfrau usw. zu benehmen hat. Aber das verlangt auch vom Mann, perfekt zu sein und ganz allein für seine Familie zu sorgen, finanziell, emotional, und in allen Punkten Sicherheit zu garantieren. Ich liebe meinen Vater, wenn ich sehe, wie er alles gibt, um für die Familie zu sorgen, und ich haben den Eindruck, dass wir ihm das wahrscheinlich nie zurückgeben können. Das vergessen wir gerne.

Ich finde es nicht unbedingt angenehm, durch Kairo zu laufen. Ich sehe die Menschen, die Straßen, Armut, Freude, Dummheit und all das, tote Katzen, tote Hunde, Verbitterung, Müll, schöne Architektur, Chaos, überall ist zu viel Lärm, lauter Lärm. Es ist wie ein Dschungel, ein Dschungel aus Beton. Wenn ich Superkräfte hätte, würde ich breite Bürgersteige für die Fußgänger bauen und Fahrradwege. Das öffentliche Verkehrssystem ist hier sehr schlecht, das würde ich verbessern, und ich würde versuchen, ein Recycling-System aufzubauen, damit alles etwas sauberer wird. Wenn ich Superkräfte hätte, würde ich vor allem auch diese Idee religiöser Gesetze ausradieren, das ist nämlich wirklich problematisch hier. Das gesamte ägyptische Rechtssystem würde ich durchleuchten lassen.

ZEINAB

Zeinab, 31 Jahre, ledig, lebt bei ihrer Mutter im Kairoer Stadtteil Maadi. Sie hat in Ägypten, Belgien und Frankreich Politikwissenschaften studiert und war für Amnesty International tätig. Heute arbeitet sie in Kairo bei einer NGO, die für Frauenrechte und gegen sexuelle Belästigung in Ägypten kämpft.

«Sexuelle Belästigung ist eine tägliche Realität für fast alle Frauen in Kairo (…).

Während der Revolution und bei den Frauendemonstrationen auf dem Tahrir-Platz tauchte ein neues Phänomen auf: die Vergewaltigung durch ganze Gruppen von Männern, der mob sexual assault. (…) Etwa fünfzehn oder zwanzig Männer, gut organisiert, manchmal bewaffnet, gaben sich gegenseitig ein Zeichen und zogen innerhalb von dreißig Sekunden eine Frau auf den Boden und umringten sie mit ein, zwei oder drei Kreisen. Von außen war das Opfer gar nicht zu sehen, die Sache hatte den Anschein einer Auseinandersetzung unter jungen Männern. Ich war Mitbegründerin der Organisation Tahrir Bodyguards. (…) Meine Kollegen sind in diese Kreise eingedrungen und haben das Opfer herausgezogen, während es meine Aufgabe war, die Frau dann aufzunehmen und zu unserem safe house zu bringen, wo sie in Sicherheit war und psychologische Betreuung erhielt (…). Nach dem Ende der Demonstrationen haben Kollegen und ich eine neue Organisation gegründet: Dignity without Borders, um weiter an dem Problem der sexuellen Belästigung zu arbeiten: durch Bildung in der Schule, durch Schaffung eines öffentlichen Bewusstseins für das Thema und durch Empowerment der Frauen. Ich glaube, dass eine Gesellschaft nur durch Bildung einen respektvolleren Umgang gegenüber Frauen entwickeln kann.

Grundsätzlich herrscht heute in unserer Gesellschaft die Auffassung, die Frau sei allein verantwortlich für das, was ihr zustößt. Auch die Frauen selbst meinen, sie seien verantwortlich für den erlittenen sexuellen Missbrauch. Deswegen versuche ich mit Dignity Without Borders die Wahrnehmung der Frauen von sich selbst zu verändern.

(…) Mit dem Einsatz der ‹Tahrir Bodyguards› und der Verbreitung der Nachrichten über die sozialen Medien begannen die Frauen darüber zu sprechen.

(…) Unabhängig von der Religion glaube ich wirklich an die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Und solange ich niemand in Lebensgefahrt bringe, niemandem physisch oder moralisch zu nahe trete, solange ich die Freiheit des anderen respektiere, gibt es keinen Grund, dass die Art, wie ich mich anziehe, irgendjemanden etwas angeht. Jeder ist für sein eigenes Handeln verantwortlich! Es ergibt für mich keinerlei Sinn, dass mich die Gesellschaft für die sexuellen Regungen und Frustrationen der Männer verantwortlich machen will. … Es gibt noch so viel zu tun!»

 

MAY

May, 36 Jahre, ist Malerin, Fotografin und Regisseurin von Dokumentarfilmen. Sie lebt zur einen Hälfte bei ihrer Mutter und zur anderen Hälfte in der Wohngemeinschaft ihres Ateliers in Maadi, Kairo.

In ihrer dokumentarischen Arbeit beschäftigt sie sich hauptsächlich mit den Lebensbedingungen der Frauen sowie mit weiteren Themen, die in Ägypten problematisch sind wie sexuelle Lust und Genitalverstümmelung. Obwohl die weibliche Beschneidung seit 1996 offiziell verboten ist, wird sie weiterhin praktiziert.

«Im Süden Ägyptens wird eine unbeschnittene Frau keinen Mann finden. Die Tradition ist dort noch sehr wichtig. Ich war sehr enttäuscht zu erfahren, dass die Beschneidung ursprünglich aus der Pharaonenzeit stammt! Im Islam darf eine Frau sich von ihrem Mann scheiden lassen, wenn er ihr keine sexuelle Befriedigung verschafft. Zugleich aber wird die Beschneidung von der Scharia befürwortet, die auf den Hadithen* basiert. Wie aber kann eine Frau sexuelles Vergnügen erleben, wenn sie beschnitten ist?»

* Dem Propheten zugeschriebene Aussprüche.

RAWIYA

Rawiya, 37 Jahre, lebt mit ihrem Mann und ihren drei Töchtern in einem Bauerndorf der Oase Fayoum, 150 km südlich von Kairo. Sie war zwölf, als sie mit Töpferkursen bei Evelyne Porret anfing, einer aus der Schweiz stammenden Töpferin, die nach Tunis El Fayoum gezogenen war. Dadurch entdeckte Rawiya ihren Weg und wurde selbst Töpferin. Mit fünfundzwanzig eröffnete sie ihre eigene Werkstatt.

«Ich komme aus einer sehr armen Bauernfamilie. Ich habe mehrere Heiratsanträge erhalten, doch ich lehnte sie ab, weil die Männer nur wollten, dass ich auf dem Feld arbeite. Ich aber wollte nicht. Ich wünschte mir jemanden, der wie ich und mit mir als Töpfer arbeitet.

Ich bin zweimal in Frankreich gewesen, um meine Arbeit zu zeigen. Das erste Mal war es nicht einfach. Mein Vater war gegen die Reise, denn eine unverheiratete Frau darf nicht allein ins Ausland – selbst eine verheiratete Frau nicht. Aber Madame Evelyne hat es geschafft, meine Familie zu überzeugen.

Die Kleidung, die ich am liebsten trage, ist die galabeya*, wie es hier für eine Frau auf dem Land üblich ist. Aber als ich in Frankreich war, trug ich Hosen und Blusen. Ich zog sogar den Schleier ab!»

Ihr Vater lebt nicht mehr, so dass Rawiya nun die Chefin der Familie ist. Das heißt: Sie ist für ihre neun Geschwister und deren Kinder verantwortlich. «Als ich klein war, sah ich, wie mein Vater oft meine Mutter angeschrien hat und wie brutal er sie schlug, es war schrecklich. Da beschloss ich, gegenüber niemandem je schwach zu sein, auch nicht vor meinem Mann. Ich bin eine gamda, eine starke Frau – stark gegenüber allen, die meine Rechte einschränken wollen. Ich bin der Vater, die Mutter und die große Schwester in einem, ich kümmere mich um die Familienpapiere und verwalte das Geld. Im Guten und im Schlechten bin ich diejenige, die hier alles trägt.»

Heute ist Rawiya die einzige selbstständige Töpferin im Dorf und hat ihrem Mann, ihren zwei Brüdern und ihren ersten zwei Töchtern das Töpfern beigebracht. Sie hat ihr eigenes Atelier.

* Eine galabeya ist eine Art Kleid, das Frauen traditionell über ihrer Bekleidung tragen.

 



DIE VIELEN FRAUEN VON ÄGYPTEN

von Hoda Salah, Politologin

In wenigen Zeilen die Lage der ägyptischen Frauen zu umreißen, ist eine kaum lösbare Aufgabe: Was meinen wir, wenn wir von den „ägyptischen Frauen“ sprechen? Meinen wir damit die ägyptischen Frauen auf dem Land oder solche, die in der Stadt wohnen? Meinen wir die ägyptischen Frauen, die aus der Mittelschicht kommen und die für ihre individuellen Rechte kämpfen, die im privaten Bereich Freiheiten fordern wie sexuelle Selbstbestimmung, die Möglichkeit, allein zu wohnen, das Recht, sich keinen Bekleidungsvorschriften unterwerfen zu müssen? Meinen wir Frauen, die Freiheit der Kunst fordern, die selbstbestimmt und unabhängig sein möchten? Oder meinen wir die ägyptischen Frauen, die unter der Armutsgrenze leben – und das sind immer noch 40% der Bevölkerung –, die tagtäglich ums reine Überleben kämpfen und dementsprechend ganz andere Bedürfnisse haben? Ihnen geht es um ökonomische Menschenrechte wie sauberes Trinkwasser, genug zu essen, Gesundheitsversorgung oder um eine Absicherung ihrer zumeist informellen Arbeitsverhältnisse. Die Freiheit der Kunst besitzt für sie keine Priorität, weil sie sowieso kaum Zugang zur Kunst haben. Oder meinen wir die christlichen oder muslimischen Ägypterinnen? Meinen wir die Frauen, die in den unterschiedlichsten politischen Bewegungen aktiv sind – in sozialistischen, konservativen, nasseristischen, islamistischen oder liberalen? Meinen wir die Nubierinnen oder die im Sinai lebenden Beduinenfrauen? Sie alle haben ihre eigenen Geschichten, Werte, Lebensformen, Erfahrungen und Ziele – etwas wie «die ägyptischen Frauen» gibt es nicht. (…)

Dennoch können wir hier einige Entwicklungslinien nachzeichnen, die all diese „ägyptischen Frauen“ historisch gemeinsam haben: Der Kampf der ägyptischen Frauen um ihre Rechte begann Ende des vorletzten Jahrhunderts. Diese erste Phase der Frauenbewegung dauerte von 1870 bis in die 1950er Jahre. Von Anfang an war die Frauenbewegung zugleich Teil der Widerstandsbewegungen gegen die britische Kolonialherrschaft sowie Teil der Al-Nahda, der arabischen Renaissance. (…) Die zweite Phase der Frauenbewegung fällt in die 1950er bis 1970er Jahre. In dieser Zeit übernahm der neu gebildete ägyptische Staat sozialistische und panarabische Ideologien. (…) Die dritte Phase der Frauenbewegung begann in den 1970er Jahren und hält bis in die Gegenwart an; sie fällt in die neoliberale Phase Ägyptens und begann mit dem Scheitern des Sozialismus und der Zerstörung des Traums von Modernisierung und Wohlstand nach der Niederlage gegen Israel 1967. (…) Die vierte Phase der Frauenbewegung entstand mit der Revolution in Ägypten vom 25. Januar 2011. Sie bekämpft nicht nur das bestehende politische System, sondern richtet sich ebenso gegen die alten Werte und die überkommene politische Kultur. (…) Bedauerlicherweise nimmt Ägypten in der Liste der Länder mit einem geschlechtsdiskriminierenden Verhältnis zwischen Männern und Frauen immer noch Rang 125 von 136 ein, wie das Weltwirtschaftsforum 2013 in seinem Bericht feststellte. (…)

Es ergibt sich demnach der Widerspruch, dass dieser autoritäre Staat – ob wir dies wollen oder nicht – in vielen Gesetzen und Regelungen letztlich frauenfreundlicher und liberaler ist als die Praxis seine Bürger. (…)

Heute setzen viele Frauen ihre Parteien unter Druck und konnten innerhalb der Parteiendynamik einen Wandel bei der Unterstützung von Frauen erzielen. (…) Gleichwohl gibt es Hindernisse und Grenzen der Frauenrechte in Ägypten. (…)

Im Vordergrund (der Frauenbewegung) stehen Themen wie die Gewalt in der Ehe, die Verheiratung minderjähriger Mädchen oder die Genitalverstümmlung. Weniger stark betont werden die ökonomischen Belange der sozialen Gerechtigkeit – insbesondere was die Frauen in ländlichen Gebieten betrifft, die als Bäuerinnen oder Arbeiterinnen des informellen Arbeitsmarkts noch kaum in den Fokus gerückt sind. Frauen, die außerhalb der großen Städte an der Peripherie leben – im Süden oder auf dem Sinai –, werden in die Aktivitäten der Frauenbewegung kaum einbezogen und sind allein gelassen.

Die Frauenrechtsaktivistinnen profitieren derzeit noch von der Euphorie der Revolution und haben das Bewusstsein und die Sensibilität der Ägypter für Fragen der Gleichberechtigung und der Frauenrechte vertieft. Sie haben damit eine dauerhafte Werteänderung bewirkt. Frauenbewegungen sind erfolgreich; in den Medien und in der Gesellschaft sind Frauen präsent und werden gehört. Berichte über sexuelle Belästigung und Gewalt gegen Frauen haben die Öffentlichkeit für diese Probleme sensibilisiert und dazu geführt, dass sich heute eine breitere Gesellschaftsschicht der Rechte der Frauen stärker bewusst ist. Frauenrechtsaktivistinnen gründen Forschungszweige zu Gender-Studies an den Universitäten, sie ändern Lehrpläne an den Schulen, stellen Öffentlichkeit für ihr Anliegen her und zeigen mit ihren verschiedenen Stimmen und unterschiedlichen Aktivitäten, dass es nicht die ägyptische Frau gibt, sondern ägyptische Frauen aus unterschiedlichen Ethnien, Klassen und Wertesystemen. Darin liegt auch die Bedeutung des vorliegenden Buches, dass es diese Vielfalt der Frauen in Ägypten wunderbar zeigt.



Über den Autor

Amélie Losier

Geboren 1976 in Versailles, Frankreich, studierte von 2001 bis 2005 Dokumentarfotografie an der Schule „Fotografie am Schiffbauerdamm“ bei Prof. Arno Fischer, Berlin. Seit 2001 ist Amélie freiberufliche Fotografin in Berlin und Paris, seit 2004 außerdem Fotografin für Die Tageszeitung. Ihre Arbeiten wurden im Rahmen zahlreicher Einzelausstellungen gezeigt, u. a. 2001 New-York — Illustrations, Galerie Le Dépot des Photographes, Paris; 2008 Quand la ville dort. Die Nachtarbeiter, Akademie der Künste, Klostergalerie, Zehdenick (Buch); 2013 Berlinale Backstage, Schauspielhaus, Magdeburg; 2014 Stalin Allee vs Karl-Marx Allee, Fenster61, Berlin; 2016 — 2018 SAYEDA, Women in Egypt, Institut Français de Jordanie, 5th Image Festival, Amman, Jordanien; Festival Zürich Liest, Modissa, Zürich, Schweiz; Haus am Kleistpark Projektraum, Berlin (Buch).

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Zuletzt aktualisiert 15.04.2020

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